Vorsicht! Neue Allergien im Anmarsch

Vorsicht! Neue Allergien im Anmarsch

Von Birgit Weilguni

„Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus!“, heißt es in einem alten Frühlingsgedicht. Allergiker haben damit häufig keine Freude, läutet doch die Saison der Frühjahrsblüher auch die Hochzeit der Allergien ein. Neben dem altbekannten Heuschnupfen drängen sich nun auch neue Allergene in den Vordergrund, die mehr als ärgerlich werden können.

Unsere Welt ist bunt und vielfältig und das macht beispielsweise das Kennenlernen neuer Speisen so spannend. Neue Nahrungsmittel und veränderte Zusatzstoffe oder Herstellungsverfahren sorgen jedoch auch dafür, dass sich bislang unbekannte, potenziell allergene – also allergieauslösende – Stoffe auf unserem Speiseplan wiederfinden.

Auch eingewanderte bzw. eingeschleppte Pflanzen können es in sich haben. Neben dem Kontakt mit neuen Allergenen kann aber auch eine empfindlichere Reaktion auf schon bekannte Stoffe Ursache einer Allergie sein. Meist sind in diesem Fall belastende Nebenfaktoren für die plötzlich auftretende Allergie verantwortlich.

Das Gefühl, dass sich die Zahl der Allergiker laufend erhöht, trügt nicht, bestätigt auch Primar Priv.-Doz. Dr. Fritz Horak, ärztlicher Leiter des Allergiezentrums Wien West: „Wir haben Zahlen, die zeigen, dass in vielen Ländern weltweit Allergien weiterhin zunehmen. Für Österreich gibt es leider keine ganz aktuellen Daten. Die letzten stammen von einer Untersuchung an österreichischen Schulkindern aus dem Jahr 2007, wo eine Zunahme von Heuschnupfen um etwa 20 % bei den 12- bis 14-Jährigen zu sehen war.“

Die auslösenden Allergene haben sich in Österreich jedoch subjektiv nur wenig verändert, räumt Horak ein, wobei es dazu keine konkreten Daten gibt. „Weiterhin stehen bei den Pflanzen die Gräser- und Baumpollen im Vordergrund, dahinter mit größerem Abstand die Unkräuter-Pollen wie Beifuß und Ragweed“, nennt der Experte die wichtigsten Auslöser. „Häufige Innenraum-Allergene sind weiterhin die Hausstaubmilben, gefolgt von Tierepithelien und Schimmelpilzsporen.

Bei den Nahrungsmitteln kommt es sehr auf das Alter an. Bei Säuglingen und Kleinkindern stehen Allergien gegen Milch und Hühnerei an erster Stelle, im späteren Erwachsenalter vor allem die pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien, also Kreuzallergien, gegen diverse Obstsorten und Nüsse.“

Gesund und potenziell gefährlich

Manche Nahrungsmittel gibt es allerdings noch nicht allzu lange auf unserem Speiseplan – und auch unter ihnen verstecken sich potenzielle Allergene. Soja gilt insbesondere in der gesundheitsaffinen Bevölkerung als empfehlenswertes Nahrungsmittel. Ungünstigerweise sind einige Sojaeiweiße jenen von Birken sehr ähnlich. Birkenallergiker reagieren daher oft mit ähnlichen Symptomen auf Soja.

Ähnliches passierte mit den Kiwis, die Mitte des 20. Jahrhunderts erstmalig nach Europa kamen. Allergische Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Derzeit sorgen Exoten wie die Drachenfrucht oder Litschis immer wieder für Allergiealarm und auch die als „Superfood“ hoch gepriesene Acerolakirsche kann speziell für Latexallergiker – hier besteht eine Kreuzallergie – zur Falle werden. Entscheidend ist dabei aber nicht, ob die Proteine (Eiweiße) fremd sind, sondern eine hohe Zahl an neuen Proteinen erhöht die Gefahr, dass allergene darunter sind.

Noch ein Novum hat sich erst in den letzten Jahren herausgestellt. Wissenschaftler erforschen nicht nur beispielsweise eine allergene Pflanze, sondern die einzelnen Allergene, die für die ungeliebten Immunreaktionen verantwortlich sind. Dabei stellt sich immer wieder heraus, dass es Unterschiede gibt. So fanden deutsche Forscher heraus, dass bestimmte Allergene der Erdnuss für besonders heftige Reaktionen verantwortlich sind, andere führen zu eher milden Symptomen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die allergischen Reaktionen verschiedener Menschen.

Ungeliebte pflanzliche Einwanderer

Einen ganz besonderen Fall stellen eingewanderte, ursprünglich bei uns nicht heimische Pflanzen – sogenannte Neophyten – und Tiere dar. Unser Organismus kommt leider mit Herausforderungen wie Ragweed, der Goldrute oder Soja nicht immer zurecht, denn er kannte die Inhaltsstoffe bislang nicht, doch plötzlich soll sich das Immunsystem gegen neue Allergene wehren.

Ragweed

Ragweed, auch Ambrosia, wilder Hanf oder (beifußblättriges) Traubenkraut genannt, ist eine der stärksten allergieauslösenden Pflanzen, die es gibt. Es stammt ursprünglich aus den USA und gelangte vermutlich als Teil von Vogelfutter nach Europa. Ragweed kann nicht nur Heuschnupfen auslösen, sondern sogar zu saisonalem Asthma führen. Wissenschaftliche Studien in Bayern haben gezeigt, dass etwa jeder dritte Allergiker auf Ambrosia sensibilisiert ist, die Hälfte von ihnen zeigt allergische Reaktion.

Alleine die volkswirtschaftlichen Kosten, die Ragweed dadurch verursacht, rechtfertigen, dass massiv dagegen vorgegangen wird. Wer also Ragweed am Wegesrand entdeckt, reißt im Idealfall beherzt die ganze Pflanze aus. Doch Vorsicht: Auch der einfache Hautkontakt kann unangenehme Reaktionen hervorrufen.

Rechtzeitig wappnen

Während gegen ungeliebte Einwanderer mit Vernichtung vorgegangen werden kann, funktioniert diese Maßnahme freilich nicht in jedem Fall. „Als wichtigste Therapieform für respiratorische Allergene zeichnet sich immer mehr neben der symptomatischen Therapie die spezifische Immuntherapie ab“, weiß Horak. „Gerade bei Pollen-, aber auch bei Hausstaubmilbenallergikern stellt dies eine sehr gute Therapieform dar, da sie langfristig das Immunsystem trainiert.“ Aufgrund der besonderen Gefahr, der sich beispielsweise Bienenallergiker in der warmen Jahreszeit aussetzen müssen, empfiehlt sich eine effiziente Gegenmaßnahme: „Bei der Insektengiftallergie ist die spezifische Immuntherapie (SIT) oft lebensrettend und soll daher frühzeitig begonnen werden, wenn man nach einem Stich mit Beschwerden wie Atemnot oder Kreislaufkollaps reagiert“, rät der Allergieexperte. In jedem Fall ist es wichtig herauszufinden, gegen welche Stoffe Allergien bestehen. Um sich gegen die schlimmste Reaktion – einen allergischen Schock – zu wappnen, kann eine Adrenalinspritze für die Eigeninjektion mitgeführt werden. Sie hat schon viele Leben gerettet.

Häufige Allergieauslöser

  • Die „Klassiker“: Pollen (Bäume, Gräser), Unkräuter, Schimmelpilze, Hausstaubmilbe, Nahrungsmittel, Insektengifte, Tierhaare, Medikamente, Zimmerpflanzen
  • Die „Neuen“: aRagweed, Soja, Kiwi, Papaya, Drachenfrucht, Litschi, Acerolakirsche, Lupinen(mehl)
  • Insgesamt sind mehr als 20.000 allergieauslösende Stoffe bekannt.

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