Heile Wellness-Welt?

Heile Wellness-Welt?

Von Birgit Weilguni

Thermen wachsen wie Pilze aus dem Boden. Wo das Thermalwasser nicht sprudelt, wird eben tief gebohrt. Gleichzeitig braucht es kaum mehr echte Heilbäder, um den Gesundheitstourismus anzukurbeln – er sprudelt ohnehin. Aber wie lange noch?

Wasser wird laut Österreichischem Heilbäder- und Kurorteverband dann als Heilwasser anerkannt, wenn es über spezifische Inhaltsstoffe verfügt, die eine wissenschaftlich anerkannte Heilwirkung ausüben. In einem Thermalbad entspringt das mineralstoffhaltige Wasser mit einer natürlichen Wassertemperatur von mindestens 20 Grad Celsius einer Thermalquelle. Dieses warme Quellwasser dringt meist aus einer Tiefe von mehreren tausend Metern an die Oberfläche, wirkt entspannend auf die Muskulatur und lindert mit seinen mineralischen Bestandteilen chronische Erkrankungen der Gelenke, aber auch Rheuma oder Allergien.

Von der Kur zur Wellness

Längst haben sich Thermenaufenthalte, schnelle „Mini-Kuren“ zwischendurch, als Erholungsinseln im Alltag etabliert. Ein Wochenende in einer Therme, inklusive Massage, Saunagängen, viel Schlaf und gutem Essen, gilt als ideale Auszeit für stressgeplagte Arbeitstiere. Erholsam ja, aber mit dem Urgedanken des Kurens in heilkräftigem Wasser hat diese Form der Wellness nur mehr wenig zu tun.

Laut Verband der Österreichischen Kurärztinnen und Kurärzte soll eine Kur „reparativ“, also den Gesundheitszustand wiederherstellend, wirken, aber auch präventiv. Für einen nachhaltigen Effekt sollte sie eine Länge von mindestens drei bis vier Wochen haben, Wellness-Angebote sind meist deutlich kürzer und werden nicht von den Sozialversicherungen finanziert. Dennoch begnügen sich immer mehr Menschen mit kürzeren Thermenaufenthalten und suchen so Regeneration und Förderung der Gesundheit, statt therapierende Kuraufenthalte zu absolvieren, die Erkrankungen lindern helfen.

Schwächelnde Thermenbranche?

Gerade mäßig sonnige Sommer wie der vergangene verschaffen den Thermenhotels wieder Auftrieb, denn eigentlich wird ihnen schon seit Jahren ein wirtschaftlicher Absturz prophezeit. Zu viele Thermen, zu wenig Angebot, zu wenig Einzigartiges, zu teuer lauten die Kritiken. Eine Studie der Marktforscher von „Kreutzer Fischer & Partner“ aus dem Jahr 2009 warnte, dass die neu gebauten Thermen den etablierten „das Wasser abgraben“ und einen „Thermen-Kannibalismus“ hervorriefen, der in nichts anderes münden könne als ein wirtschaftliches Debakel. Denn die Zahl der Thermengäste steige nicht um die Zahl der Gäste der neu erbauten Häuser. Fazit: Alle bekommen weniger ab – manche zu wenig, um zu überleben.

2010 die nächste Thermen-Studie: Der Markt sei weitgehend gesättigt, mit den neu erbauten Häusern – immerhin mit der Grimming Therme in der Steiermark, der St. Martins Therme im Burgenland, der Wiedereröffnung der Therme Bad Hall in Oberösterreich und der Therme Vigaun in Salzburg sowie dem ersten vollen Geschäftsjahr der Linsberg Asia Therme doch eine ganze Reihe – ergibt sich ein schwacher Zuwachs von 1,8 %. Als Grund wurde unter anderem angeführt, dass Thermenaufenthalte keine echte Besonderheit mehr darstellen, sondern zum Massenandrang geführt haben – mit allen damit verbundenen Schattenseiten wie Lärm, zu wenigen Liegen, mangelnder Hygiene etc. Zahlungskräftiges Publikum wechselt dann schon lieber in stille, gediegene Wellness-Hotels. Die mögliche Lösung: Alleinstellungsmerkmale. Aus diesem Grund hat etwa Lutzmannsburg vor allem Kinder und Jugendliche im Focus, St. Martin zielt auf naturverbundene Menschen und wirbt mit „Expeditionen & Safaris“ in den Nationalpark und Linsberg setzt auf gediegenes Asia-Ambiente. Doch hat dies tatsächlich etwas gebracht?

Derzeit ist es jedenfalls wieder still geworden um die Frage, ob nun das große Thermensterben einsetzen könnte oder auch nicht. Auf Initiative des Online-Portals WEBHOTELS und des Thermenmagazin AVIDA wurde die Eurotherme Bad Schallerbach zu „Österreichs Bester Therme 2014“ gekürt, auf Platz 2 landete die Therme Stegersbach und auf Platz 3 Loipersdorf. Vom großen Sterben spricht da niemand, obwohl sich abzeichnet, dass sich die Kannibalisierung der Thermen längst im Gange ist.

Wirtschaftsfaktor Wellness

Wirtschaftlich punkten die Thermen insgesamt jedenfalls nach wie vor. In Bad Waltersdorf zählte man 1989 etwa 4.000, vor rund 25 Jahren – als der Ort sein „Bad“ dazu erhielt – 15.000 Nächtigungen. 2008 waren es 371.000 Nächtigungen. 2015, wenn Sebersdorf mit seiner H2O-Therme dazukommt, dann wird Bad Waltersdorf zur „Zwei-Thermen-Gemeinde“ mit 550.000 Nächtigungen pro Jahr. Beeindruckende Zahlen, die den Befürchtungen um den Trend den Wind aus den Segeln nehmen.

Die Tourismuswirtschaft bleibt eine der Säulen der regionalen Wertschöpfung. Reine Sommerdestinationen werden zu Ganzjahresdestinationen, die Auslastungen der ehemaligen Nebensaisonen sind nicht mehr besorgniserregend und die Beschäftigungszahlen gelten sowieso als schlagendes Pro-Argument. Eine IHS-Studie im Auftrag von Wirtschaftsministerium und WKÖ vom Anfang dieses Jahres besagte, dass die Gesundheitswirtschaft nach wie vor zu den wachstumsstärksten und beschäftigungsintensivsten Branchen zählt. Der Gesundheitsmarkt wird auch bis 2020 dynamisch wachsen, allerdings zählen zu diesem Markt auch aktuelle Trendthemen wie gesunde Lebensmittel und Fitness. An dritter Stelle kommt allerdings schon der Gesundheitstourismus. 10,13 % der österreichischen Wertschöpfung entstehen direkt in der Gesundheitswirtschaft.

Nicht nur Thermen reagieren auf den Gesundheitstrend, auch einzelne Hotels punkten mit dem Faktor Wellness. Selbst wenn das Wasser keine gesundheitsfördernde Wirkung aufweist wie in Kuranstalten und Heilbädern, so vermitteln doch Bäder, Saunalandschaften, Massage, Beauty-Behandlungen & Co den Eindruck, die Urlaubszeit der Gesundheit und Schönheit zu widmen. Kurhotels setzen vermehrt zusätzlich auf nicht zu therapierende, sondern Wellness-Gäste und machen damit gutes Geschäft. Vielleicht ist ja nicht den Thermen auf lange Sicht das große Sterben beschert, sondern den reinen Kuranstalten, die einerseits durch Rehabilitationsanstalten in reparativer Hinsicht und andererseits durch Wellness-Einrichtungen und Thermenhotels im präventiven Sinne ersetzt werden könnten.

Linktipps:

Thermenregionen in Österreich
Erholungsurlaub in Österreich
Heilwirkung von Thermalwasser