Machen uns Kosmetika krank?

Machen uns Kosmetika krank?

Von Birgit Weilguni

Aluminium in Deos, Hormone in Cremen, Plastik in Zahnpasta – kaum ebbt eine Welle der Entrüstung ab, bekommen wir Anlass zu neuer Sorge. Unsere Kosmetikartikel scheinen uns mehr krank als schön zu machen. Wie entkommen wir den Chemiekeulen, die im Alltag lauern?

Längst boomen Workshops zur Herstellung von eigenen Naturkosmetikprodukten oder Bio-Kosmetiklinien mit rein natürlichen Zutaten. Wenn es nur die fehlende Wirkung wäre, die Konsumenten verärgert, würde der Aufschrei wohl leiser ausfallen. Mitunter geht es jedoch um Gesundheitsschädigung bis hin zur Gefährdung. Das kann doch nicht sein!

Katastrophe …?

Der Arzt und Forscher Prof. Dr. Samuel Epstein, Vorsitzender der „Cancer Prevention Coalition“ und Autor zahlreicher Lehrbücher, warnt vor der grenzenlosen Verantwortungslosigkeit vieler Kosmetikhersteller. „Die giftigen Inhaltstoffe in den Konsumgütern stehen auf der Liste der vermeidbaren Risikofaktoren gegen Krebs“, klagt Epstein. Und auch der deutsche Heilpraktiker Ralf Meyer spricht von einem „Selbstvergiftungs-Supergau“: „Auf der einen Seite versuchen wir uns gesund und naturbelassen zu ernähren. Auf der anderen Seite fügen wir uns über Alltagsprodukte große Giftmengen zu, die unser Immunsystem ruinieren und sogar zu einer Krebsentwicklung führen können!“

Laut einer Studie von Global 2000, die im vergangenen Jahr 400 Pflegeprodukte in Österreich unter die Lupe genommen hat, sind beispielsweise in mehr als einem Drittel der Körperpflegeprodukte hormonell wirksame Chemikalien, die vor allem für die Konservierung und den UV-Filter verwendet werden. Helmut Burtscher, Biochemiker von Global 2000: „Bei den Bodylotions, aber auch bei den Zahnpasten, gibt es Marken von Herstellern, deren Produkte ohne hormonell wirksame Chemikalien auf den Markt gebracht wurden, bei anderen findet man fast nur belastete Produkte.“ Vor allem in Kinderzahnpasten waren diese Chemikalien gehäuft zu finden.

Besonders in der Kritik stehen Duft- und Konservierungsstoffe, doch beinahe monatlich kommen neue Hiobsbotschaften dazu: Hormone, Krebserreger, Plastik, Schwermetalle, Allergene – die Bandbreite der Giftstoffe, die wir uns täglich in Form von Kosmetik zuführen, scheint schier endlos zu sein. Die meisten Studien sprechen dennoch von „potenziellen“ Gefahren; ihr Nachweis scheint durchwegs schwierig.

… oder Panikmache?

Andere Experten beruhigen und weisen darauf hin, dass manche Inhaltsstoffe zwar potenziell gefährdend seien, aber in derart geringen Mengen dem Körper zugeführt werden, dass man für den Organismus nicht von einer Gefährdung sprechen könne. Thomas Platzek vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung meint, wir können uns unbesorgt weiterhin mit Kosmetikprodukten pflegen, „denn die Menge hormonähnlicher Substanzen ist in den Pflegeprodukten so niedrig dosiert, dass sie faktisch nicht wirksam ist. Über die Nahrung nehmen wir viel mehr von diesen Stoffen auf. Sie stecken zum Beispiel auch in Sojaprodukten wie Tofu“.

Selbst die Kumulation von Produkten betrachtet Platzek nicht als Problem: „Sie können ohne Bedenken mehrere Produkte miteinander kombinieren. Denn alle zum Gebrauch zugelassenen Stoffe wurden von unabhängigen Gremien bewertet. Es ist keine Wirkung auf den Hormonhaushalt zu erwarten.“ Vor Schwermetallen in Kosmetika warnt Platzek allerdings dezidiert. Wenn schädliche Substanzen zum Teil als harmlos betrachtet werden, zum Teil aber nicht, wird es für Konsumenten freilich schwierig. Forschungsaufträge scheinen auf diesem Gebiet jedenfalls noch mehr als ausreichend Material zu haben. Die wenigsten Schädigungen konnten bisher zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Ungepflegtsein ist keine Lösung

Dennoch sucht jeder, der auf seine Gesundheit achtet, instinktiv nach Auswegen aus der Konsumeinbahn. Die einzige Lösung der Misere: Inhaltsstoffe studieren. Verbannen Sie alles, was fragwürdig klingt oder öffentlich kritisiert wird, aus Ihrem Schrank. Es wird ein Weilchen dauern, bis unbedenkliche, vertrauenswürdige Produkte letztlich identifiziert sind, aber es zahlt sich aus. Im Normalfall werden wir durch unsere Kosmetikprodukte wohl nicht krank werden, doch durch die Verwendung zahlreicher Mittel steigt die Gefahr „potenzieller“ Schädigungen. Zumindest Teile des Gefahrenpotenzials lassen sich durch eine kritischere Kontrolle der Inhaltsstoffe ausschalten.

Eine App könnte in dieser Hinsicht durchaus hilfreiche Dienste leisten: Die Tox Fox App übersetzt chemische Fachbegriffe und macht so die Identifikation von ungewünschten Zusatzstoffen einfacher. Dafür muss lediglich der Barcode gescannt werden. Die App „Beat the Microbead“ sucht nach Mikroplastikkügelchen in Produkten und macht so ihre Umgehung einfacher.

Risiko-Chemie in Kosmetika

Die Liste der Gefahren – oder in üblem Verdacht stehenden Stoffe – liest sich wie die Produktpalette einer Giftküche:

Alkohol (Ethanol) ist in Haartönungen, Körper- und Handcremen, Aftershaves und Düften enthalten. Er kann zahlreiche Reaktionen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Hitzewallungen hervorrufen und er trocknet Haut und Haare aus. In mehr als 95 % aller Kosmetika finden sich reine alkoholische Stoffe.
Alpha-Hydroxysäure (häufig auch Fruchtsäure) ist eine „milde“ Säure, die in der Kosmetik häufig für Schälkuren oder zum Abschilfern der oberen Hautschichten verwendet werden. Auf Dauer angewendet, stören und zerstören sie nachhaltig den Säureschutzmantel der Haut. Die Haut wird empfindlich gegen Sonneneinstrahlung und trocknet leichter aus. Langfristige Hautschäden können die Folge sein.
Aluminium ist häufig in Deodorants und Düften enthalten, weil es eine schweißhemmende Wirkung hat. Es kann die Impulse von Nervenzellen blockieren und damit zu Gedächtnisverlust und Muskelschwund führen. Aluminium steht auch im Verdacht, Alzheimer und Brustkrebs zu fördern.
Bentonit (und auch Kaolin) ist poröser Ton, der Wasser aufnehmen kann. Als Bestandteil von Kosmetika steht er im Verdacht, Poren zu verstopfen und die Haut zu ersticken.
Benzophenone und andere Sonnenschutzfilter stehen im Verdacht, wie das weibliche Hormon Östrogen zu wirken. In Testreihen des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich wuchsen Brustkrebszellen, auf die fünf verschiedene UV-Filter aufgebracht wurden.
Bleichmittel sind krebserregend und werden in Blondierungsmitteln für Haare, als Reinigungsstoff in Zahnpasten, Antistatikum in Shampoos und Hautcremen verwendet.
Collagen und Elastin, die man in den meisten Hautpflegeprodukten findet, werden aus Tierhäuten und zermahlenen Hühnerfüßen gewonnen. Die Substanz legt sich wie ein Film über die Haut und kann sie dadurch ersticken.
Diethanolamine (DEA) sind ein farbloser oder kristalliner Alkohol, als Weichmacher in Körperlotionen oder als Feuchthaltemittel in Hautpflegeprodukten wirkt. Wenn DEAs zusammen mit Nitraten verarbeitet werden, reagieren sie chemisch und führen möglicherweise zu krebserzeugenden Nitrosaminen. Neueste Studien zeigen krebserzeugendes Potenzial, auch ohne Nitratverbindungen. DEAs sind auch haut-und schleimhautreizend. Dem DEA sehr ähnlich sind noch andere, häufig verwendete Ethanolamine, wie Triethanolamine (TEA) und Monoethanolamine (MEA).
Diethylphtalat (DEP, Weichmacher) wird als Trägerflüssigkeit für Kosmetika, Haarshampoos und Parfum verwendet und wirkt bei Ratten krebserregend, embryotoxisch (fördert die Rate der Missgeburten). Es beeinträchtigt den Säureschutzmantel der Haut, steht im Verdacht, beim Menschen Leber, Nieren und Fortpflanzungsorgane zu schädigen, und hat eine hormonähnliche Wirkung.
Fluorid wurde von der amerikanischen Environmental Protection Agency offiziell als Giftstoff klassifiziert, es ist ein stark zelltoxisches, potenziell krebserregendes Element. Laut National Cancer Institut verursacht Fluorid häufiger und schneller Krebs als jede andere chemische Substanz. In Belgien wurden alle Fluorid enthaltenden Zahncremen verboten!
Formaldehyd ist ein farbloses, giftiges Gas – ein Reizstoff und Krebserreger. In Kombination mit Wasser findet Formaldehyd als Desinfektionsmittel, Fixierungsmittel oder Konservierungsmittel Verwendung – vor allem in Nagelpflegesystemen. Schon in geringen Mengen reizt dieser krebsverdächtige Stoff Schleimhäute und kann Allergien auslösen. Zudem lässt er die Haut altern.
Mikroplastik findet sich in Gesichtspackungen, Duschgels und Peelings, aber auch in Zahnpasta, Sonnencreme oder Lippenstift und wurde erst jüngst an den Pranger gestellt. Mikroplastik ist nur indirekt gesundheitsschädlich, da es sich in der Umwelt wiederfindet und nur schwer abbaubar ist.
NLS – Natriumlaurylsulfat – ist ein Fettlöser und Schaumbilder, der über die Haut massiv aufgenommen wird. Er erhöht den Gehalt an Krebs verursachenden Nitrosaminen. NLS finden sich in Duschgel, Shampoo, Handseife, Badezusatz, Zahnpasta oder Rasiergel.
Der Konservierungsstoff Parabene ähnelt dem weiblichen Sexualhormon Östrogen. Nach Ansicht einiger Experten können Parabene daher den Hormonhaushalt durcheinanderbringen.
Paraffinöl bzw. Mineralöl ist ein Rohöl-Derivat, das einen öligen Film auf der Haut bildet. So werden Feuchtigkeit, Toxine und Abfallstoffe eingeschlossen und die normale Hautatmung unterbunden, weil der Sauerstoff nicht in die Haut eindringen kann. Propylenglycol ist eine kosmetische Form des Mineralöls, die in Haut- und Haarpflegeprodukten als Feuchthaltemittel wirkt. Propylenglykol kann die Haut stark reizen (Kotaktdermatitis) und zu Leberanomalien und Nierenschäden führen.
Parfüm – meist nitro- und polyzyklonische Moschusverbindungen – sind synthetische Parfümstoffe und haben sich teilweise in Tierversuchen als krebserregend oder erbgutverändernd erwiesen. Diese Stoffe reichern sich in der Umwelt und im Körper an und können sogar in der Muttermilch nachgewiesen werden.
PEG (Polyethylenglykol) und seine Derivate sind Stoffe, die die Haut durchlässiger machen und Schadstoffe in den Körper einschleusen können. PEG wurde in Haarshampoos gefunden. Zur Herstellung wird Ethylenoxid eingesetzt; Ethylenoxid ist ein sehr reaktiver Stoff und potenziell krebserregend.
Silikon (Dimethicone) wird in Haarprodukten eingesetzt und ummantelt das Haar, sodass keine Substanzen (gute wie schlechte) mehr in das Haar eindringen können. Insbesondere langanhaltende Pflege mit Silikonprodukten schädigt das Haar.
Sodium Fluoride (Natrium-Fluorid) ist eine stark ätzende und giftige Substanz. Natriumfluorid wird als anorganische oder organische Verbindung in Zahnpflegemitteln eingesetzt und ist potenziell krebserregend.
Talkum oder Talk ist ein weiches, grau-grünes Mineral. Talk fühlt sich fettig an und ist verwandt mit Speckstein. In Kosmetika wird es als Füllstoff oder Pudergrundlage verwendet. Das Einatmen von Talk kann Krebs erregen.

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