Selbstverteidigung – der neue Fitnesstrend für Frauen

Selbstverteidigung für Frauen

Von Nina Peterz

Jede Frau kennt das mulmige Gefühl, wenn sie nachts alleine auf dem Heimweg ist. Die Schritte werden schneller. Man greift nach dem Schlüsselbund als Ersatzwaffe für den Notfall. So gut wie möglich versucht man selbstbewusst zu wirken, um einen möglichen Angreifer abzuschrecken. Doch wie hätten Sie bei einem Angriff reagiert?

Die reale Gefahr, Opfer eines solchen Verbrechens zu werden, ist zwar gering. Konfliktsituationen ereignen sich aber nicht nur auf der Straße und in dunklen Parks. In unserem Alltag sind wir unterschiedlichsten Formen von Gewalt ausgesetzt. Dazu zählt u. a. Mobbing, Diskriminierung oder sexuelle Belästigung. Laut Kriminalstatistik sind Frauen und Kinder besonders oft von häuslicher Gewalt betroffen. Die Täter sind meist vertraute Personen, z. B. Ehemänner, Stiefväter, Freunde oder Bekannte.

Zudem besitzen Frauen einen Nachteil, der biologisch begründet ist: Sie sind zierlicher gebaut und männlichen Angreifer körperlich unterlegen. Kein Wunder, das der Wunsch nach Selbstschutz und Sicherheit, in allen Lebenslagen immer stärker wird.

Vorsicht vor Crashkursen

Kampfsport- und Selbstverteidigungskurse boomen. Sehr viele davon zielen speziell auf Frauen ab. Doch sind sie im Ernstfall zur realistischen Selbstverteidigung geeignet?

Ein Selbstverteidigungstraining kann helfen, sich für Gefahrensituationen zu sensibilisieren und sich im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen. Außerdem wird in Selbstschutzkursen trainiert, wie man selbst in schwierigen Situationen selbstbewusst auftritt. Um Kampfkunsttechniken allerdings effektiv einsetzen zu können, ist ein regelmäßiges Training, über mehrere Monate bis Jahre hinweg, erforderlich. Nur so besteht die reelle Chance, dass man sich als Frau bei einem Übergriff erfolgreich zu Wehr setzen kann.

Zu warnen ist vor sogenannten Kompaktkursen, in denen in kurzer Zeit, komplizierte Abwehr-, Festhalte- oder Schlagtechniken einstudiert werden. „Diese Kurzkurse schaden mehr als sie nützen“, sagt Colin Goldner, Diplom-Psychologe und Vorstand des Münchner Arbeitskreises. Sie zielen darauf ab, das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. Dies wiederum führt dazu, dass sich Absolventinnen in Gefahrensituationen zu offensiv verhalten. „Die Frauen versuchen erst gar nicht wegzurennen und werden deshalb oft besonders brutal angegangen“, weiß Goldner.

Kampfsport und Selbstverteidigung

Eines der größten Selbstverteidigungs- und Kampfsportstudios Österreichs, das Self Defense and Martial Arts Institute (S.A.M.I.), befindet sich in Wien Floridsdorf. „In unseren fortlaufenden Krav-Maga-Trainings finden sich circa 35 Prozent Frauen ein – Tendenz steigend“, sagt Irmengard Hanzal, Chefinstruktorin des Wiener Selbstverteidigungsinstituts. Im Trainingscenter können Teilnehmer zwischen verschiedenen Kursen wie z. B. Kickboxen, Capoeira oder Krav Maga, wählen. Zudem besteht für Interessenten die Möglichkeit, an einem kostenlosen Schnuppertraining teilzunehmen.

Generell muss zwischen Selbstverteidigung und Kampfsport unterschieden werden. Im Kampfsport geht es um die kämpferische Auseinandersetzung mit einem Wettkampfgegner unter Einhaltung bestimmter Regeln. Ziel ist es, den Kampf zu gewinnen. In einer Selbstverteidigungssituation hingegen will man einen meist überlegenen Angreifer entkommen. Der Verteidiger will nicht kämpfen, sondern die Konfliktsituation so schnell wie möglich verlassen. Nur im Notfall versucht man sich durch unterschiedliche Techniken (auch die Zuhilfenahme von Waffen ist erlaubt), vor dem Angreifer zu wehren.

Kickboxen, Wing Tsun, Krav Maga und Shinergy

Einige Kampfstile eignen sich in der zivilen Selbstverteidigung besonders gut. Vier effektive Selbstverteidigungssportarten im Überblick:

Kickboxen

Entwickelte sich aus Techniken des Karate, Tae-Kwon-Do, Thaiboxen und Boxen. Mit Faust- (Boxen) und Beintechniken (Kicken) wird der Gegner auf Distanz gehalten oder aus der Distanz attackiert. Ziel ist es durch schnelle Schläge mit den Fäusten, Knien und Füßen, den Angreifer in die Flucht zu schlagen.

Vorteile

  • Schlag- und Tritttechniken sind leicht zu erlernen und eignen sich zur realistischen Selbstverteidigung.
  • Gewichts- und Kraftvorteile des Gegners werden durch Schnelligkeit und Technik ausgeglichen.
  • Kickboxen ist ein umfassendes Trainingsprogramm für den gesamten Körper und kann alternativ zur Verbesserung der Fitness betrieben werden.
  • Nachteil

  • An dem Punkt, wo der Gegner einen greift, umklammert oder zu Boden wirft, werden Boxtechniken und Kicks unbrauchbar.

  • Wing Tsun

    Das Kampfsystem ist auf die reine Selbstverteidigung spezialisiert. Wing Tsun beruht auf dem Prinzip der Einfachheit und beschränkt sich auf wenige Techniken. Kettenfauststöße, Fingerstiche, Handkantenschläge oder Hammerfäuste kommen bei dieser Selbstverteidigung zum Einsatz.

    Vorteile

  • Der Legende nach von einer Frau erfunden, bedarf es nicht Kraft oder Akrobatik, um den Gegner zu besiegen, vielmehr nutzt man die Kraft des Angreifers und lenkt sie gegen ihn.
  • Wing Tsun ist wegen seiner kurzen Reichweite besonders für Frauen geeignet. Je näher sich die beiden Kämpfer sind, desto einfacher ist es bei dieser Kampfsportart für den kleineren, normalerweise schwächeren von beiden, in die Reichweite des Größeren einzudringen und somit seine Verteidigung zu durchbrechen.
  • Weil es keine hohen Tritte gibt, muss man für Wing Tsun nicht sportlich sein. Man kann es in jedem Alter lernen, auch wenn man ein paar Pfunde zu viel hat.
  • Nachteil

  • Wing Tsun ist als Fitnesstraining ungeeignet, da man kaum ins Schwitzen kommt.

  • Krav Maga

    Kombiniert verschiedene Kampftechniken und wurde in Israel ursprünglich für Militär und Geheimdienste entwickelt. Inzwischen wird Krav Maga als zivile Version angeboten. Haupttechniken sind gezielte Faust-, Knie- und Ellbogenschläge an bestimmte Körperstellen, damit der Gegner möglichst schnell seine Kampffähigkeit verliert.

    Vorteil

  • Die Methoden sind sehr effektiv, sie funktionieren praktisch sofort nach dem Erlernen. In nur drei bis sechs Monaten können die wichtigsten Bewegungen bereits beherrscht und Angriffe jeder Art erfolgreich abgewehrt werden.
  • Krav Maga sieht natürliche Reflexe vor, die in Gefahrensituationen ohne weiteres Nachdenken funktionieren.
  • Krav Maga macht den Anwender gegen einen oder mehrere Angreifer schnell verteidigungssicher.
  • Körperkraft ist nicht notwendig.
  • Nachteil

  • Krav Maga ist ein körpernahes Selbstverteidigungssystem. Beherztes Zugreifen ist gefragt, aber nicht jedermanns Sache.

  • Shinergy

    Vereint die Philosophie asiatischer Kampfkunst mit modernsten Erkenntnissen der Sportwissenschaften. Diese Sportart verbindet Übungen des Kickboxen, Aikido und anderer Kampfkünste mit den meditativen Übungen aus den Bereichen Pilates, Yoga oder Tai Chi.

    Vorteile

  • Shinergy trainiert durch die Kombination von Kampfsport und Meditation Körper und Geist und soll zu mehr innerer Kraft und Gelassenheit verhelfen.
  • Die Sportart ist für Menschen aller Altersgruppen geeignet, unabhängig vom Trainingszustand und der körperlichen Konstitution.
  • Shinergy ist ein Ganzkörper-Workout. Kraft-, Ausdauer- Schnelligkeits- und Beweglichkeitstraining formen den Körper.
  • Shinergy ist ein effektives Training um Stress, Angst, Frust und Aggression entgegenzuwirken.
  • Nachteil

  • Mit der Philosophie muss man sich erst anfreunden.


  • Linktipps:

    Self Defense and Martial Arts Institute
    Shinergy Academy
    Coole Fitnesstrends für den Sommer
    Selbstverteidigung und Kampfkunst