Eine Lanze für den Pflegeberuf

Pflegeberuf

Von Mag. Birgit Weilguni

Sind Pflegekräfte in Österreich notorisch unterbezahlt und überfordert? Medienberichte lassen in den letzten Jahren vermuten, dass hier vieles im Argen liegt. Zwei Expertinnen rücken das Bild gerade und brechen eine Lanze für einen besonders lebenswerten, wenn auch reformbedürftigen Beruf.

Dass Pflegekräfte – mit unterschiedlichen Ausbildungen im Rücken – in den allermeisten Fällen auf keine besonders hohe Entlohnung hoffen dürfen, ist allgemein bekannt, sollte aber freilich ohnehin nicht Anlass für eine Berufswahl sein. Der Pflegeberuf umfasst jede Menge Verantwortung und Belastungen, entlohnt werden Pflegekräfte aber nicht entsprechend – ihr Einstiegsgehalt beginnt etwa bei 1.700 Euro brutto.

Gute Pflege muss uns was wert sein

„Grundsätzlich sollten sich Gehaltsschemen nach dem Leistungsspektrum und der damit verbundenen Verantwortung richten“, sagt Ursula Frohner, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes, und ergänzt: „Diese beiden Aspekte sollten bereits im Grundgehalt abgebildet sein. Systeme, die auf Gehaltszulagen ausgerichtet sind, wirken sich jedenfalls nachteilig auf die Berechnung von Pensionsansprüchen aus.“

Auch DGKP Sonja Paulesich, MSc, erfahrene Krankenpflegerin und zuständig für Qualitäts- und Risikomanagement bei der Volkshilfe Wien, kann dem Entlohnungsschema für Pflegekräfte wenig abgewinnen. Außerdem bekämen durch neue Ausbildungswege nunmehr akademische und diplomierte Pflegekräfte dasselbe Gehalt. „Auch zwischen Pflegeassistenten und diplomierten Pflegern ist finanziell kaum ein Unterschied, aber die Verantwortung bei Letzteren ist unvergleichlich höher“, ergänzt Paulesich.

Mangel verschärft sich

Eine unzureichende Entlohnung für einen grundsätzlich verantwortungsvollen und anstrengenden Beruf bedeutet, dass das Angebot rasch dem Bedarf hinterherhinkt. Und diese prekäre Situation könnte sich noch verschärfen. Frohner bestätigt den Mangel an gut ausgebildetem Pflegepersonal in allen Settings, der sich schon jetzt abzeichnet und sich in den kommenden Jahren dramatisch erhöhen wird.

„Die Gründe dafür liegen schon alleine deshalb auf der Hand, weil in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Pension gehen werden. Gleichzeitig steigt die Zahl chronisch Kranker und deren Unterstützung durch Angehörige oder Bezugspersonen bricht zunehmend weg“, unterstreicht die Präsidentin.

Vielfalt des Pflegeberufs

Auch Paulesich sieht einen eklatanten Mangel in jedem Bereich. „Besonders stark ist er im mobilen Bereich – hier haben die Organisationen nur wenig Auswahlmöglichkeit“, erzählt die mit 32 Jahren im Beruf sehr erfahrene Pflegekraft. Dabei seien es nicht mehr die Nacht- und Wochenenddienste, die abschreckend wirken, denn es gäbe mittlerweile sehr viele Bereiche, wo familienfeindliche Dienstzeiten kein Thema seien, wie etwa in der Gynäkologie oder in der Augenheilkunde.

Eben diese Vielfalt sei aber auch ein Grund, warum der Pflegeberuf so lohnend sei, sagt die Diplomkrankenschwester. „Hier findet jeder sein Tätigkeitsfeld. Wir können lebenslang lernen, laufend neue Entwicklungen erleben und kennenlernen – es bleibt immer spannend“, schwärmt Paulesich von ihrem Beruf und fügt hinzu: „Aber man muss diese Chancen eben auch annehmen.“ Die Vielfalt des Berufs macht es allerdings auch schwierig, allgemein gültige Urteile für jeden Bereich zu fällen.

So sei etwa die Versorgungsqualität sicherlich sehr unterschiedlich, sagt Frohner: „Es ist klar zu definieren, um welches Setting es geht – Pflege im Akutkrankenhaus, Pflege in Langzeitpflegeeinrichtungen, mobile Pflege, individuelle häusliche Pflegesituation.“ Einheitliche Qualitätskriterien für ganz Österreich gibt es nicht – in jeder Einrichtung, in der Pflegekräfte tätig sind, ist die Sachlage eine andere.

Vorsicht vor Pauschalurteilen

Gerade diese Vielfalt ist es wohl auch, die dazu verleitet, negative Medienberichte einer ganzen Berufssparte zuzuschreiben, was jeder Grundlage entbehrt. Sie bleiben im Gedächtnis hängen, die Berichte über am Bett fixierte Senioren mit übervollen Inkontinenzeinlagen, Bettruhe ab 18 Uhr, Schreiduelle und Beschimpfungen und zahlreiche andere Vorwürfe. Fälle wie diese müssen durchaus aufgezeigt und geahndet werden, doch Pauschalurteile haben hier absolut nichts verloren. „Pflegesituationen sind ein höchst sensibler Bereich“, erklärt Frohner.

„Sicher hat die Gesellschaft in den letzten Jahren eine vermehrte Aufmerksamkeit hinsichtlich dieser Themen entwickelt – und das ist gut so. Leider ist aber auch eine zunehmende Skandalberichterstattung zu bemerken, die, ohne die jeweilige Situation zu hinterfragen und wesentliche Hintergründe zu kennen, einzelne Personen vorverurteilt. Noch viel schlimmer ist es, wenn gleich eine ganze Berufsgruppe pauschal in ein negatives Licht gedrängt wird. Dies geschieht oftmals mit dem Gesundheitsberuf Gesundheits- und Krankenpflege – und das ist einfach nicht zu akzeptieren.“

Auch Paulesich bittet darum, genau hinzusehen, wo welche Missbrauchsfälle geschehen. In vielen Fällen brauche es lediglich das Aufzeigen von Alternativen, manchmal strukturelle Veränderungen und häufig mehr Information. „Ich persönlich halte zum Beispiel vom Fixieren Pflegebedürftiger recht wenig, weil es langfristig auch gar nichts bringt. Es gibt aber sicherlich spezielle Situationen im Krankenhaus, in denen ein Steckgitter notwendig ist.

Ein anderes Beispiel sind demente, aber mobile Personen, die sehr schwer zu versorgen sind. Die Versorgungsqualität ist stark abhängig von den spezifischen Umständen, daher kann man nicht für jeden möglichen Fall universelle Regeln aufstellen“, sagt Paulesich. Im Übrigen sei Gewalt gegen Pflegepersonen wesentlich häufiger als umgekehrt. In jedem Fall gebe es die Option der Supervision, die durchaus öfter genutzt werden sollte.

Paulesich glaubt übrigens nicht, dass es mehr Missbrauchsfälle als früher gäbe, aber man sei heute sensibler. „Wir dürfen in dieser Hinsicht auch nicht den Kopf in den Sand stecken – wir müssen reagieren“, fügt sie hinzu.

Vielfältige Lösungsansätze

Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) steckt den Kopf nicht in den Sand – im Gegenteil. „Der ÖGKV fordert dringend, österreichweit einheitliche Pflegequalitätskriterien per Bundesgesetzgebung in allen Pflegesettings zu implementieren“, berichtet Frohner von den Reaktionen der Experten. „Darüber hinaus sind die bereits jetzt angewendeten Kontrollinstrumente zu evaluieren und auch hier bundesweit einheitliche Kriterien zu entwickeln. E

in weiterer wichtiger Punkt ist die Unterstützung der Pflegeperson in allen Pflegesettings durch Coachings und bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien für die zunehmend komplexeren Pflegesituationen. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber auch Zeit, und zwar genügend Zeit für die Pflege kranker Menschen, sowie Personalschlüssel, die die mindestens vorhandenen Pflegepersonen und deren Qualifikationsstufen definieren.“

Auch in der Ausbildung wird so rasch und gut wie möglich reagiert, um Pflegekräften in belastenden Situationen die passenden Handlungskompetenzen an die Hand zu geben. „Fachwissen ist das Fundament für die entsprechende Pflegeleistung. Darüber hinaus muss jedoch die pflegerische Fachkompetenz beim Patienten, beim zu Pflegenden, ankommen können. Dies ist nur dann möglich, wenn berufsfremde Tätigkeiten wie Administration oder hauswirtschaftliche Versorgung an die dafür ausgebildeten Berufsgruppen abgegeben werden können. So ist beispielsweise das Essen Servieren an Servicekräfte zu übertragen – und das auch zu Tagesrandzeiten und am Wochenende“, sagt Frohner.

Beruf mit Zukunft – in jeder Hinsicht

Mit einem Anteil von rund 65 Prozent sind Gesundheits- und Krankenpflegepersonen die größte Berufsgruppe aller Gesundheitsberufe. Angesichts demografischer Entwicklung wird sich daran so schnell nichts ändern – im Gegenteil. Ein besseres Image des Berufsbildes muss daher „ein gemeinsames Anliegen der politischen Entscheidungsträger, der Systemverantwortlichen, aller Gesundheitsberufe und jedenfalls der Pflegeberufe sein“, ist Frohner überzeugt.

„Jede Gesundheits- und Krankenpflegeperson hat einen zentralen Auftrag und trägt dadurch wesentlich zur Versorgungsqualität des österreichischen Gesundheitssystems bei. Ohne Leistungen der Gesundheits- und Krankenpflege würde unser ganzes Versorgungssystem nicht möglich sein. Genau dieser Aspekt muss Gesundheits- und Krankenpflegepersonen täglich bewusst sein.“
Reformen sind zweifelsohne notwendig. Sie zeigen ihre positiven Aspekte aber in der Versorgungsqualität, beim gezielten Einsatz von Ressourcen und nicht zu zuletzt am Arbeitsmarkt, wie Frohner abschließend betont. Und diese positiven Seiten zeigen ganz klar: Dieser Beruf hat Zukunft.

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