Wenn Sport zur Sucht wird

Sportsucht

Von Mag. Alexandra Bolena

Ausreichend Bewegung um seinen Körper fit zu halten – wer will das nicht? Sportliche Betätigung verspricht Gesundheit und ein knackiger Body wirkt wie ein Jungbrunnen. Wird Sport aber nicht „nur“ als Ausgleich zum Alltag ausgeübt, sondern bestimmender Faktor der täglichen Routine, dann sprechen Experten von Sportsucht. Diese Sport-Besessenheit, auch Excercise Addiction genannt, ist nicht nur ungesund für Körper und Seele, sie ist auch eine immense Belastung für Freunde und Familie.

Endlich den Schweinehund überwinden und ab ins Fitnesscenter oder auf die Laufstrecke um ein paar überflüssige Kilo abzuarbeiten – wer will das nicht. Kaum einer, der den Schritt getan hat, bereut es. Nicht nur dankt es einem der Körper, wenn er gekräftigt wird, auch das meditative Element während und nach der sportlichen Betätigung wird geschätzt.

Ob es nun die Endorphine sind, die uns in diesen Glückszustand versetzen, oder Endocannabinoide, also körpereigene Substanzen, die eine Art Rausch verursachen, ist letztlich egal. Wer Sport treibt, erhöht die Menge an Botenstoffen, die happy machen.

Auch die bei sportlicher Betätigung ausgeschütteten Neutransmitter Serotonin, Dopamin, Adrenalin oder Noradrenalin begünstigen die sogenannten „Flow“-Moment, auch als Runner’s High bekannt. Ein rauschähnlicher Zustand, in dem alles fließt macht den Kopf frei und setzt Gedanken in Gang.

Rausch von innen

Wiederkehrende, rhythmische Bewegungen wirken meditativ auf das gesamte vegetative Nervensystem, und nichts anderes passiert beim Sport. Diese ‚Erholung durch Rhythmus’ minimiert Angst und Unsicherheit und verschafft ein angenehmes Wohlgefühl. Man will mehr davon und bis zu einem gewissen Maß ist das ja auch durchaus gut.

Doch wie immer im Leben macht auch hier die Dosis das Gift. Die Grenze zwischen gesunder Fitness und Sportsucht ist meist fließend und Betroffene selbst wie auch die Umwelt können so gut wie nie den Zeitpunkt identifizieren an dem ‚das System kippte’, und der Sport im Leben der Betroffenen überhand nahm.

Bewegung ist zwar gesund, aber wenn Sport zum Selbstzweck wird um das ‚high’ zu erleben dann wird aus Ehrgeiz Manie. Basierend auf den Erfahrungswerten von Sportwissenschaftlern und Suchtexperten schätzt man, dass rund fünf Prozent der typischen Ausdauersportler, wie z.B. Jogger oder Radfahrer, zumindest sportsuchtgefährdet, wenn nicht betroffen sind.

Grenze zwischen gesundem Sport und Sportsucht?

Björn Krenn, Sportpsychologe vom Institut für Sportwissenschaften an der Universität Wien, geht davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Sportsüchtige sind sich ihrer Abhängigkeit ja oft jahrelang nicht bewusst.

Im Gegenteil – oft glauben Betroffene, dass sie ausgesprochen gesund leben und wiegen sich in gefährlicher Sicherheit. Gerade wenn das Problem noch nicht als solches erkannt wird und Sportbesessene und deren Angehörige (noch) nicht unter dem zwanghaften Verhalten leiden – dass übertriebener Sport den Körper schädigt ist und bleibt eine Tatsache.

„Während die meisten Sportler ein Ziel haben oder einfach fit sein wollen, dient Sportsüchtigen der Sport zunehmend und bald ausschließlich zur Suchtbefriedigung“, so Krenn.

Wenn Sport Selbstzweck wird und Stunden und Tage füllt, während andere Aktivitäten hintangestellt werden, dann beginnt die Grenzüberschreitung. Immer weniger Zeit mit der Familie, kaum mehr Sozialkontakte mit dem angestammten Freundeskreis, der Aufbau eines neuen Umfelds mit Sportfreunden, die ähnliche Pensen bewältigen können, Vernachlässigung der Arbeit… Sportsucht hat ganz ähnliche Auswirkungen wie jede andere Sucht auch – das ganze Leben dreht sich nur um die seligmachende Droge.

Ursachen für Sportsucht

Die Ursachen für Sportsucht sind nicht eindeutig geklärt, aber einer der auslösenden Faktoren dürfte mangelndes Selbstwertgefühl sein. Denn es scheint, als wären weniger das sportimmanente Ausschütten von glücklichmachenden Botenstoffen, wie das gesunde Menschen beim Sport erleben, der entscheidende Kick. Forscher gehen eher davon aus, dass psychische und soziale Komponenten eine wesentlichere Rolle bei der Entstehung von Sportsucht spielen.

Wer sportlich ist, erntet gesellschaftliche Anerkennung. Sportliche Menschen gelten als diszipliniert, cool und zeitgemäß – wer sportlich ist, hat einen attraktiven Körper und wird allgemein bewundert, wenn nicht gar beneidet – um seine Disziplin und den gestählten Body! Davon will man mehr – vor allem wenn man sonst kaum oder zu wenig Lob und Wertschätzung erfährt.

Ein weiteres Erklärungsmodell bringt das Argument der falsche Selbstwahrnehmung ins Spiel: zuerst zu dick, dann zu schwammig, dann zu klobig.. also wird weiter trainiert, definiert, gesportelt,… bis an die Grenzen der Gesundheit.

Interessant in diesem Zusammenhang: Sportsucht tritt erwiesenermaßen nicht selten in Kombination mit Essstörungen auf, wobei die Frage was Ursache und was Wirkung ist noch nicht eindeutig beantwortet werden kann. Signifikant ist der Zusammenhang aber allemal.

Sportsucht ist gesundheitsgefährdend

Einer der Gründe, warum die Sportbesessenheit so ungesund ist, liegt darin begründet, dass Sportsüchtige Erschöpfung und Schmerzen übergehen und sich auch bei Krankheit und Verletzungen keine Schonung gönnen.

Die fehlende Regenerationszeit führt dazu, dass sich der Körper nie ausreichend erholen kann und in einem permanenten Erschöpfungszustand befindet. Das führt über kurz oder lang zu chronischen, teils irreparablen Beschwerden an Knochen, Gelenken, Bändern und Sehnen – im schlimmste Fall wird auch der Herzmuskel beeinträchtigt.

Dauerhafte Überanstrengung führt auch zu Schlafstörungen; Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit sind häufige Begleiterscheinungen. Spätestens dann leidet auch die Psyche, und zwar doppelt. Einerseits unter der Überanstrengung bei zu viel Sport und andererseits aber auch unter ‚Sportentzug‘ – wenn der ‚flow‘ fehlt.

Und um dem Entzug zu entgehen, wird weiter trainiert – und zwar noch intensiver… „Im fortgeschrittenen Stadium setzt dann schon das Aussetzen eines einzelnen Trainings die Betroffenen auf Entzug. Sie werden nervös, unruhig, sie können nicht schlafen, werden depressiv, gereizt“, erklärt Krenn. Diese Veränderung ist unübersehbar und auch das soziale Umfeld leidet. Denn entweder ist der Sportsüchtige im Training oder er ist gereizt und grantig, weil er nicht im Training ist. Der typische Teufelskreis aller Abhängigkeiten.

„Warnsignale sollten sein, wenn Sie Entzugserscheinungen wie bei einer Alkoholsucht bekommen“, sagt Wolfgang Maier von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Zum Beispiel Kopfschmerzen, Magenschmerzen und Nervosität, wenn Sie keinen Sport machen.“

Nächtens aufstehen für den Sport …

Maier ist auch Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn und hält Sucht nach Sport ebenso wie der Österreicher Krenn für ein inzwischen recht weit verbreitetes Phänomen.

Er erzählt von Betroffenen, die sogar mitten in der Nacht aufstehen, um ausreichend – ihrer Auffassung nach – Sporteinheiten absolvieren zu können. Ein weiteres Indiz für Excerise Addiction ist zudem das konsequente Steigern der Härte der Trainingseinheiten bis an die absolute Leistungsgrenze – und das ist körperlich keinesfalls gesund.

Von Sportsucht betroffen sind großteils Männer, meist jünger als 30. Typische Sportarten sind Radrennfahren, Marathonlaufen und Triathlon – klassische Ausdauersporten, wobei Triathleten besonders gefährdet sind. Denn beim Schwimmen, Radfahren und Laufen werden jweils unterschiedliche Muskelgruppen beansprucht und wer zwischen den Disziplinen wechselt, kann fast endlos trainieren, da immer neue Muskelgruppen aktiviert werden.

Bewusstseinsbildung

Sportsucht wird oft lange nicht erkannt. Es ist ein schleichender Prozess, bei dem das Umfeld und auch der Betroffene selbst anfänglich meist sehr zufrieden sind mit der Entwicklung. ‚Endlich Sport, endlich macht er oder sie etwas, bzw. endlich habe ich meinen Schweinehund überwunden,‘ ist das Motto, nach dem gesportelt wird.

Erst langsam sickert die Erkenntnis, dass Sport das Leben dominiert. Meist erkennen Angehörige früher als der Sportsüchtige selbst, dass etwas nicht stimmt: täglich, manchmal mehrmals täglich, meist alleine, Rückzug aus anderen sozialen Aktivitäten, alle Gespräche rund ums Thema Nummer Eins,..

Freunde und Familie merken, dass sich hier ein Mensch innerlich entfernt. Genauso wie bei jeder anderen Sucht dreht sich das Leben Betroffener zunehmend nur um ein Thema: ’wie komm ich zu meiner nächsten Einheit’. Alles andere wird zweitrangig.

Doch permanent in der zweiten Reihe zu stehen nervt die Umwelt. Früher oder später wird offensichtlich, dass sich Stellenwerte und Wertigkeiten verschieben und das Sozialleben zunehmend zu kurz kommt.

Hilfsangebote wären wichtig, sind aber für Süchtige schwer anzunehmen. Denn natürlich wird zunächst typischerweise die Sucht geleugnet – ‚ein Problem mit zu viel Sport – so ein Blödsinn!‘

Hier gilt es sensibel vor zu gehen, meinen Experten. Am ehesten findet man Zugang zu Sportsüchtigen wenn man sie in ihrem Metier ‚abholt‘: Angebote für gemeinsame sportliche Unternehmungen werden eher angenommen, als Vorschläge für gemeinsame Theaterbesuche oder gesellige Esseneinladungen. Beim gemeinsamen Sport hat man die Möglichkeit, miteinander zu reden – und man ist mitten im Thema.

Manchmal kommen Freunde oder Familie aber auch ‚nicht durch‘. Der Betroffene leugnet, zieht sich noch mehr zurück, übt manche Sporteinheiten vielleicht sogar heimlich aus,… – alles um sich einer Konfrontation nicht stellen zu müssen.

Es dauert manchmal Jahre, bis der Körper unübersehbare Reaktionen zeigt: physischer oder psychischer Zusammenbruch, Kreislaufkollaps, Depressionen, Herzinfarkt… Doch auch wenn schließlich ärztliche Hilfe in Anspruch genommen wird, bedeutet das meist noch nicht das Ende des Leidenswegs. Es geht um eine Änderung der inneren Einstellung, und das kann manchmal sehr lange dauern.

Therapieansätze bei Sportsucht

Sportsucht ist absolut vergleichbar mit anderen Süchten. Der Unterschied liegt nur darin, dass man ein an sich gesundes Verhalten – sich bewegen – übertreibt und somit ad absurdum führt.

Doch da das Belohnungssystem im Körper ständig auf Trab gehalten wird und nach mehr verlangt, wird das ursprünglich gut gemeinte Fitnessprogramm zum zentralen alles dominierenden Lebensinhalt. Was ein Betroffener damit unbewusst bezweckt, wovon er sich mit übertriebenem Sport ablenkt, was der Auslöser, der ‚Trigger’, für die Sucht ist – das herauszufinden ist die eigentliche Herausforderung bei der Therapie.

Diesen Trigger gilt es zu identifizieren und das Problem hinter der Sucht zu behandeln. Das kann in Gesprächstherapien, Selbsthilfegruppen, Psychotherapie, oder auch psychiatrischer Betreuung gelingen. Manche schaffen es ambulant, manchmal ist auch ein stationärer Klinikaufenthalt hilfreich.

Ziel ist wie bei jeder anderen Abhängigkeit eine andere – tatsächlich und nicht nur vermeintlich gesunde – Form des Wohlgefühls zu finden. Denn viel zu viel Sport ist tatsächlich Mord – Raubmord am eigenen Körper.

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