Adrenalinsportarten: Die Suche nach dem Kick

Adrenalinsportarten: free climbing

Von Mag. Birgit Weilguni

Fallschirmspringen, Biken und Klettern war gestern. Wer den ultimativen Kick sucht, hat heute mehr Möglichkeiten denn je. Die Jagd nach dem Kick nimmt allerdings mitunter bizarre Formen an und widerspricht jedem Sinn für Risikomanagement. Warum sind Extremsportarten trotzdem so reizvoll?

Ist unser Alltag so öde, dass uns nur ein Adrenalinkick im Urlaub oder in der Freizeit das Gefühl geben kann, lebendig und aktiv zu sein? Einerseits stehen viele Menschen unter Druck, kämpfen gegen Burnout und Stresssymptome und suchen in der Freizeit die maximale Erholung. Andererseits freuen sich Anbieter ausgefallener bis wahnwitziger Abenteuer über regen Zulauf. Riskante Extremsportarten bieten offensichtlich immer mehr Menschen den Kick, der ihnen fehlt, um sich selbst zu spüren.

Bewegung contra Stress

Dr. Robert Fritz ist Sportmediziner mit Zusatzdiplomen für Präventiv-, Ernährungs-, Notfall- und Orthomolekulare Medizin, Leiter der Sportmedizinischen Leistungsdiagnostik und Präventivmedizin in der Sportordination (www.sportordination.com) sowie Leiter des Medical Centers des Österreichischen Frauenlaufs und des Vienna City Marathons – und natürlich selbst begeisterter Sportler.

Extremsport ist Fritz also in keiner Hinsicht fremd. „Ich denke nicht, dass unser Leben im Allgemeinen zu langweilig ist“, sagt Fritz bezüglich der Motive für Extremsportarten. „Ich glaube aber, dass sehr viele Menschen das Maximum aus ihrem Leben herausholen wollen und nichts versäumen wollen. Manche sind vielleicht im Alltagstrott so gefangen und wollen ausbrechen.“ Es gebe zwar langweilige Jobs, aber die meisten Menschen stünden sowohl beruflich als auch privat unter Stress.

„Wer Stress hat, sollte sich unbedingt bewegen! Intensiver Sport ist dabei jedoch leider die falsche Antwort! Wir sollten uns eigentlich niedrigintensiv bewegen, um Stresshormone wie Cortisol, Noradrenalin oder Adrenalin abzubauen und einen Gegenpol zu unserem stressigen Leben zu schaffen. Die meisten Menschen spüren sich und damit auch die richtigen Intensitätsbereiche im Sport nicht richtig und überlasten sich eher, als dass sie einen Ausgleich schaffen. Der Adrenalinkick macht uns also leider nicht gesünder und baut auch langfristig keinen Stress ab.“

Die Adrenalinspirale

Dennoch feiern Mutproben, Extrem- bzw. Risikosportarten stetig steigende Zuwachsraten. Klettern wird durch Eisfallklettern „getoppt“, Fallschirmspringen durch Base-Jumping, Radfahren durch Downhill-Biken, Crosscountry durch Parkour Running, Badespaß durch Klippenspringen und Schwarzfahren durch U-Bahn-Surfen. Aufregend ist nicht genug – totales Risiko ist gefragt. Adrenalinkicks fühlen sich für viele Menschen toll an und können süchtig machen.

„Adrenalin wird in extremen Situationen von unserem Körper ausgeschüttet: bei Angst, bei Gefahr bei Kampf und Flucht“, erklärt Fritz. „Wir fühlen uns dabei stark und lebendig. Eigentlich dient die hormonelle Reaktion dazu, unser Überleben zu sichern. Wenn Gefahr droht, versucht unser Körper, alle Funktionen, die mit Kampf und Flucht zu tun haben, zu optimieren. Wir spüren dabei meist keine Schmerzen oder sind zumindest schmerzunempfindlicher und dieses Gefühl macht uns in gewisser Weise high. Man kann von einer Sucht sprechen, weil manche Drogen auf demselben Prinzip aufbauen.“

Dabei sind es nicht immer die gefährlichsten Sportarten, die den höchsten Kick auslösen, weiß der Sportmediziner. Bungee-Jumping oder eine Achterbahnfahrt sind eigentlich nicht gefährlich, weil man dabei gut gesichert ist und relativ wenig passieren kann, aber der Adrenalinkick – vor allem beim ersten Mal – ist kein geringer. „Je mehr wir aber solche Belastungen gewöhnt sind, desto geringer wird die Angst und damit die Adrenalinausschüttung“, erläutert Fritz. „Die Dosis muss also höher werden und dann wird nach größeren Risiken gesucht, um immer noch einen Kick zu bekommen.“

Der Sportmediziner findet besonders Base-Jumping extrem verrückt und gefährlich, aber noch schlimmer sei Free Climbing. „Auf Schornsteine, Brücken oder Gebäude zu klettern, ohne Sicherung, oben zu balancieren und sich in die Tiefe zu hängen, nur mit einer Hand am Rand gesichert, halte ich für keine Sportart, sondern für puren Irrsinn“, sagt Fritz.

Dafür habe er kein Verständnis, denn es gebe keine zweite Chance wie bei einem Computerspiel – „ein kleiner Fehler wird mit dem Leben bezahlt“. Da sich die Suche nach dem Kick immer mehr steigert, verunglücken viele Extremsportler letztlich irgendwann – „ähnlich einem Drogensüchtigen, der immer eine höhere Dosis braucht, bis er es übertreibt und sein Leben dabei verliert“.

Kalkuliertes Risiko

Fritz selbst ist begeisterter Sportler und bewegt sich mitunter in Bereichen, die andere als verrückt bezeichnen würden. Auf extreme Herausforderungen und Wettkämpfe bereitet sich der Arzt jedoch sehr gut vor, er trainiert viel und ist medizinisch natürlich optimal durchuntersucht. „Mein Risiko besteht darin, durch eine physische oder psychische Schwäche das Ziel nicht zu erreichen und frühzeitig aufgeben zu müssen, aber ich gehe dabei kein akutes gesundheitliches Risiko ein“, sagt Fritz.

Vorbereitet wird in Form von viel Training in niedriger Intensität. Das macht Spaß und reduziert den Stresslevel, denn Sport soll Vergnügen bereiten und keinesfalls schmerzen. „Es gibt kein besseres Medikament als Bewegung und Training und wenn die ‚Dosis‘ auch noch richtig eingestellt ist, wirkt Training nicht nur besser auf die Gesundheit und die Steigerung der Leistungsfähigkeit, sondern macht auch noch richtig Freude – dafür braucht man keinen Adrenalinkick!“, ist Fritz überzeugt.

Letztlich ist es wohl die Grundeinstellung zu körperlicher und geistiger Gesundheit, die manche überdenken sollten. Sport ist für Gesundheit unabdingbar und steigert die Lebensqualität enorm. Der Rausch des extremen Risikos ist dafür aber nicht notwendig und schon gar nicht der Schritt an den Abgrund, denn das kann auch ganz schnell der letzte sein.

Adrenalinsportarten im Trend

  • Base-Jumping: Fallspringen von festen Objekten – Berge, Häuser, Masten, Brücken etc.
  • Wingsuit-Jumping: wie Base-Jumping, aber mit Flügelanzug, nicht mit Fallschirm
  • Klippenspringen: Sprünge von mehr als 10 Meter hohen Felsen ins Wasser
  • Parkour Running: in der Extremform Laufen, Klettern, Balancieren von A nach B über Hindernisse
  • Free (Solo) Climbing: Klettern ohne jede Sicherung
  • Apnoetauchen: in der Extremform Tauchen in Rekordtiefen mit nur einem Atemzug
  • Downhill-Biken: Bergabfahren per Rad in engen Kurven, extrem steil, inklusive Sprüngen
  • Eis(fall)klettern: Klettern auf gefrorenen Wasserfällen
  • Volcano Boarding: per Board über den Abhang eines Vulkans
  • Haitauchen: nicht im Käfig, sondern frei mitten unter Haien
  • Höhlentauchen: wenig Licht, enge Durchlässe und meist keine Möglichkeit zum Auftauchen
  • Big-Wave-Surfing: Wellenreiten auf bis zu 30 Meter hohen Wellen
  • Highlining: Slacklining zwischen Wolkenkratzern, Berggipfeln, über Schluchten
  • Trainsurfing/U-Bahn-Surfen: illegales Mitfahren außen an Zügen
  • Freeriding: Skifahren im freien, steilen und lawinengefährdeten Gelände

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