Für eine Handvoll Euro extra – das große Geschäft mit Privatpatienten

Das große Geschäft mit Privatpatienten

Von Volkmar Weilguni

Die Zwei-Klassen-Medizin kommt auf leisen, sanften Pfoten, aber sie kommt bestimmt. In manchen Bereichen ist sie längst Realität.

„Für mich als Patientenanwalt wird es immer sichtbarer, dass es in Österreich eine strukturelle Zwei-Klassen-Medizin gibt, die weit über bedauerliche Einzelfälle hinausgeht“, sagt der NÖ Patientenanwalt und Sprecher der Österreichischen Patienten- und Pflegeanwälte Dr. Gerald Bachinger. Die Methoden seien zwar diffiziler geworden, dafür aber auch professioneller. „Es passiert nicht mehr auf die brutale Art, wie das vielleicht früher üblich war, mit einem namhaften Geldbetrag im anonymen Kuvert, das vom Patienten zum behandelnden Arzt gewandert ist. Das gibt es so wohl nicht mehr, da ist die Sensibilisierung der Leute schon zu groß geworden.“

Bei vielen, heute üblichen Gepflogenheiten steckt vielleicht auch gar keine böse Absicht dahinter, vermutet Bachinger, die hätten sich im Laufe der Zeit unreflektiert eingebürgert. Eine dieser Gepflogenheiten ist etwa jene, dass behandelnde Primar- oder Oberärzte ihre Patienten mit dem Argument in die Wahlarztpraxis lenken, dort mehr Zeit für sie zu haben und sie dann auch persönlich zu operieren, auch wenn sie offiziell keine „Klasse-Patienten“ sind. „Da ist, glaube ich, vielen Ärzten gar nicht klar, dass ein solches Vorgehen schlicht rechtswidrig ist“, sagt Bachinger.

Aber nicht nur aus juristischer Sicht scheinen solche Gepflogenheiten problematisch. Auch medizinisch gesehen halten das manche Kritiker für kontraproduktiv.

„Normale“ OP-Ärzte, die täglich viele Stunden im Operationssaal stehen, bringen in der Regel deutlich mehr Praxis und Erfahrung mit an den OP-Tisch als ihre Chefs, die im modernen Krankenhausbetrieb hauptberuflich in erster Linie als Führungskräfte und „Gesundheitsmanager“ agieren müssen und nur mehr fallweise zum Gelegenheitsoperateur werden. „Man kann das nicht verallgemeinern, da täte man vielen unrecht“, relativiert der Patientenanwalt, aber „einmal im Monat eine OP zu machen, das ist bestimmt kein besonderes Qualitätssiegel“.

Privatordinationen boomen

Ein weiteres Indiz für eine fortschreitende Schwächung unseres so gepriesenen „solidarischen Gesundheitssystems“ ist die enorme Zunahme an Wahlarzt- und Privatordinationen, während etwa in Wien die Zahl der Kassenverträge trotz steigender Bevölkerungszahlen seit Jahren sogar rückläufig ist. Genau in jenen Bereichen, aus welchen sich das öffentliche Gesundheitssystem nach und nach zurückzieht, tun sich immer mehr innovative Formen und neue Einnahmequellen im privaten Bereich auf. Überall dort haben Patienten oft gar keine Wahl zwischen Klasse 1 und 2, werden in eine Richtung gedrängt. Aktuell befinden sich alleine in Wien schätzungsweise 15 rein private Institute in der Gründungsphase, die versuchen werden, die entstehenden öffentlichen Lücken zu nutzen, um Klienten abzuschöpfen.

Die Privatinstitute, die bereits existieren, tun genau das schon mit bemerkenswerten Erfolgen – zum Beispiel der Gründer der Wiener Privatmedizin-Gesellschaft mediclass, Christoph Sauermann. In Österreichs größtem Ärztezentrum (laut Eigenangabe) können Patienten gegen eine bestimmte Jahresgebühr rund 60 Fachärzte und Therapeuten zu Kassentarifen aufsuchen. Die Anfrage nach neuen Mitgliedschaften sei in den letzten Monaten „signifikant gestiegen“, berichtet Sauermann und begründet dies damit, dass viele Facharztordinationen mit Krankenkassenverträgen keine neuen Patienten mehr aufnehmen würden oder die Wartezeiten für Untersuchungen so lange wären, dass dies medizinisch nicht mehr vertretbar wäre. „Da sind die Leute froh, wenn sie nicht drei Ordinationen anrufen müssen, um dann keinen Termin zu bekommen.“

Diese Entwicklung ist nicht nach dem Geschmack des ehemaligen Wiener Gebietskrankenkassen-Obmanns und jetzigen Patientenombudsmann der Wiener Ärztekammer, Franz Bittner. Es störe ihn ungemein, sagt Bittner, dass immer mehr Krankenversicherte trotz Versicherung für medizinische Leistungen bezahlen und dieses System „mit stiller Zustimmung der Kassen“ immer weiter ausgedehnt wird.

Wartezeiten sind relativ

Was die Wartezeiten auf Untersuchungstermine betrifft, vor allem in der bildgebenden Diagnostik, so haben sich in der jüngeren Vergangenheit Gepflogenheiten etabliert, die der so lauthals beschworenen „patientenorientierten“ Medizin wie Hohn und Spott vorkommen müssen. Immer wieder berichten Patienten davon, dass ihnen Vorreihungen auf solche Untersuchungen angeboten werden, falls sie bereit sind, dafür ein wenig „extra“ zu bezahlen. Die inoffiziellen Tarife scheinen dabei relativ einheitlich, fast wie abgesprochen, und liegen meist um die 200 Euro, etwa für eine CT oder MRT (Computer- bzw. Magnetresonanztomografie).

Viele Patienten greifen trotz Unverständnisses dann doch zu, weil sie sonst monatelang auf eine Diagnose warten müssen, unabhängig davon, wie schmerzvoll oder akut ihre Beschwerden auch sein mögen. „Wenn Untersuchungen, die fachlich indiziert sind – ja in vielen Fällen sogar chefärztlich bewilligt, trotzdem oft vier bis sechs Wochen Wartezeiten aufweisen, dann ist das ein Armutszeugnis für unser Gesundheitssystem“, findet Bachinger. Der Zustand sei umso skandalöser, als es grundsätzlich Überkapazitäten in dem Bereich geben würde, wie internationale Vergleiche deutlich zeigen. Viele Ärzte verzichten allerdings darauf, ihre Kapazitäten auszuschöpfen, es sei denn – gegen ein Extra-Honorar.

Die Erklärung dafür ist relativ einfach und folgt der Logik des existierenden Honorierungssystems der Kassen. Diese deckeln die Gesamtsumme der Honorare pro Quartal, das heißt, nur eine bestimmte Anzahl an Untersuchungen wird auch voll bezahlt, für darüber hinausgehende gibt es verringerte Vergütungen, irgendwann dann gar keine mehr. Ab dem Zeitpunkt, an dem diese Rezession einsetzt, kommen anfragende Patienten in die Warteschleife, selbst dann, wenn ein Termin kapazitätsmäßig problemlos möglich wäre. Ist der Pool ausgeschöpft, dann nehmen die „Institute lieber die Privatpatienten“, weiß auch Bittner aus seinen Erfahrungen als Ombudsmann. „Wer es sich leisten kann, dem ist eine schnelle MR- oder CT-Untersuchung schon ein paar Hundert Euro wert.“

„Da kommt jetzt wieder die Zwei-Klassen-Medizin ins Spiel“ ergänzt Bachinger: „Wenn Sie zahlen, dann kommen Sie gleich dran. Das ist aus meiner Sicht, zumindest dann, wenn diese bezahlten Untersuchungen während der regulären Betriebszeiten durchgeführt werden, eindeutig rechtswidrig. Aber es geschieht dennoch laufend.“

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